Kritik: Leidenschaftliche Alpensaga in Gstaad
Leidenschaft pur: Das erwartet man von einer italienischen Nacht. Der Opernabend im Gstaader Zelt erfüllte diesbezüglich sämtliche Wünsche. Und der Saaner Philippe Bach gab als Dirigent ein beeindruckendes «Heimspiel».

Einmal mehr eine grosse Attraktion. Noëmi Nadelmann zog als Nedda im «Bajazzo» alle Register ihres Könnens. Bild: Raphael Faux
Die Liebe blüht. Die Leidenschaft lodert. Die Eifersucht glüht. Die Choleriker drehen durch. Aus diesen Ingredienzen sind Opern vielfach gebastelt. Erst recht, wenn sie von südländischen Komponisten und Librettisten stammen. Der 1892 uraufgeführte «Bajazzo» («I Pagliacci») ist so ein Musterbeispiel aus dem italienischen Verismo. In zwei kompakten Akten und kurzen eineinviertel Stunden entfacht Ruggiero Leoncavallo ein musikalisches Feuerwerk an Emotionen. Es fehlt an nichts: Die Commedia dell’Arte wird von der Tragödie eingeholt. Aus Spiel wird blutiger Ernst. Ein riesiges Orchester (Sinfonieorchester Basel) sorgt für betörende, aber auch brutale Klangbilder. Ein kräftig bestückter Chor (Chor Theater Basel) beschwört unausweichlich das Bedrohliche herauf. Die Stimmen pendeln zwischen Durchdringlichkeit und Koketterie, zwischen Lust und Not. Oh, Opernliebhaber, was willst du mehr!
Etwas vom Besten
Die «Notte italiana», das heurige Opernhappening am Menuhin Festival, liess im randvollen Gstaader Festivalzelt keine Wünsche offen. Vermutlich gab es noch nie einen so dichten und dermassen auf den Punkt gebrachten Opernabend seit Festivalbestehen. Das Basler Orchester legte schon beeindruckend schlagkräftig und klangschön mit der Ouvertüre zur Verdi-Oper «La Forza del destino» los und blieb auch im Intermezzo aus der «Cavalleria rusticana» von Pietro Mascagni nichts schuldig.
Bachs Heimspiel
Der Saaner Dirigent Philippe Bach hatte das Basler Orchester und den Chor, der sich mit Verdis Gefangenenchor aus «Nabucco» bestens einführte, jederzeit gut im Griff. Den Musikerinnen und Musikern entlockte er mit klaren Gesten immer wieder orgiastische Klangbilder, die in Mark und Bein fuhren. Bach feierte bei seinem Debüt am Menuhin Festival ein überzeugendes, stark beklatschtes «Heimspiel».
Zum Star des Abends avancierte der 75-jährige Giuseppe Giacomini als bedingungslos liebender und besinnungslos eifersüchtiger Canio/Bajazzo: Er schonte als Inbegriff der Leidenschaft weder sich noch seinen lyrisch leuchtenden Tenor. Starsopranistin Noëmi Nadelmann als Nedda/Colombine mit ihrer stimmlichen Agilität, ihrer schauspielerischen Grazilität und Wandlungsfähigkeit folgte ihm unmittelbar und war einmal mehr eine grosse Attraktion. Die erwartete Entdeckung war Seung Gi Jung, jüngster Preisträger des Concours Ernst Häfliger 2008, mit seinem strahlkräftigen Bariton in der Rolle des zündelnden Tonio/Taddeo. Der Berner Bariton Rudolf Rosen als Neddas Geliebter Silvio verlieh seinen kurzen Auftritten Präsenz und Intensität. Auch der eingesprungene Andreas Scheidegger überzeugte als Beppo und Harlekin in der Inszenierung von Wolfgang Gratschmaier. Dieser setzte auch einheimische Kinder ein – und die Nadelmann-Tochter Jamileh! Gratschmaier verlagerte den Schauplatz mehr in die Bergwelt (Kostüme!). Auch als Alpensaga wurde der «Bajazzo» zum schmerzhaft-eindringlichen und berauschenden Erlebnis.
Berner Oberländer von Svend Peternell